Dr. Christiane Martina Schnell, M. A.
Die Schlussfolgerungen, die man aus einem historischen abgeschlossenen Kapitel unseres Berufstandes ziehen kann, sind für die aktuellen Auseinandersetzungen mit der Politik und hier auch besonders mit den finanziellen Aspekten des Gesundheitssektors und auch innerhalb der eigenen Profession hilfreich.
Die akademische Zahnheilkunde entwickelt sich aus einem Unterzweig der allgemeinen Chirurgie. In den letzten 170 Jahren versuchten zuerst einzelne Personen, und später der gesamte Berufszweig, sie als Bestandteil der Medizin zu etablieren. Wie konnte dies bei den beschriebenen Schwierigkeiten von vielen Seiten überhaupt gelingen?
Die Zahnheilkunde, von etwas anderem konnte man auch noch Mitte des 19. Jahrhunderts nicht sprechen, nahm die rasante Entwicklung in Medizin, Technik und Wissenschaft auf und formte daraus das Konzept, dass sämtliche ärztlichen Eingriffe im Zahn-, Mund- und Kieferbereich durch einen einzigen Spezialisten behandelt werden sollten. Dies war ein gänzlich neuer Gedanke, der, wie aus dem historischen Kontext zu entnehmen ist, die Abschaffung der jahrhunderte langen Tradition der Zersplitterung dieses Gebietes auf verschiedene Berufszweige, auf die Innere mit der pharmakologischen Therapie, auf die Chirurgie und auf das Herstellen des Zahnersatzes, bedeutet. So konnte aus diesem Zusammenfassen bedingt durch die historische Situation, in der so viel Neues entstand, die Zahnmedizin entstehen, die auf den Grundlagen der Medizin therapierte. Dies war aber eine stürmische Entwicklung bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts und kam mit der Möglichkeit zu Dissertation und Habilitation zu einem ersten, aber nur vorläufigen Abschluss. Von Anfang an war die Nähe zur Medizin eine unabdingbare Voraussetzung für den neu entstehenden Beruf. Genauso wichtig waren auch die Wissenschaftlichkeit in der Ausbildung und eigene fachbezogene Forschung. Integrale Bestandteile, der noch nicht überall angeglichenen Studienordnungen, waren Materialkunde mit Metallurgie, Technik, medizinischer Fächer, aber eben auch Ethik und Geschichte der Medizin/Zahnmedizin. Ein Konzept, das in Variation bis heute noch aktuell ist, bis auf die Ausnahme, dass weder die Ethik, noch die medizinische Geschichte für die Ausbildung heute für relevant erachtet wird und die medizinischen Fächer zu wenig Beachtung finden. Dies stellt einen großen Fehler dar, wie ich meine. Zwar hat die Fixierung auf die allgemeine Medizin mit Teilbereichen wie Gynäkologie oder Hauterkrankungen die Besonderheiten, die in der Mundhöhle herrschen und deren physiologische und anatomische Gegebenheiten lange nicht genügend berücksichtigt, aber ein vernetztes Denken von zahnmedizinischen mit medizinischen Probleme wurde auch nicht ausgebildet, wie die Ausgrenzung der Bereiche der Psychosomatik oder der Schmerztherapie zeigt.
Mit zunehmenden Schwierigkeiten musste der noch nicht konsolidierte junge Zweig der Medizin durch die Kurierfreiheit und dem dadurch entstehenden Dentistenstand kämpfen.