Prof. Dr. Christian Hirsch, Universität Leipzig
Als Querschnittsfach beinhaltet Kinderzahnheilkunde alle präventiven, diagnostischen und therapeutischen Aspekte der Zahnheilkunde für den Altersbereich ab der Geburt bis zum Erwachsenenalter. Zahnärztinnen und Zahnärzte, die Kinder behandeln, müssen über die originär zahnärztlichen Fertigkeiten hinaus weitere Kompetenzen aufweisen, insbesondere im Bereich der Kommunikation und Patientenführung. Dafür bedarf es einer systematischen Ausbildung, wie sie in allen Industriestaaten der Welt üblich ist. In Deutschland stellt sich die Situation jedoch so dar, dass im Studium gelernte Konzepte aus dem Erwachsenenbereich 1:1 auf Kinder übertragen werden, was vielfach nicht funktioniert. Die Konsequenz daraus ist, dass in Relation zur Dichte an Zahnärzten in Deutschland die Qualität und Quantität der zahnärztlichen Versorgung für Kinder unzureichend ist. Im Vortrag wurden die wesentlichen Stolperstellen in der zahnärztlichen Versorgung von Kindern für den Hauszahnarzt dargestellt, insbesondere in den Problemfeldern Behandlungsorganisation, Verhaltensmanagement, Diagnostik und Therapie, Schmerzmanagement sowie Notfallmanagement.
Im Bereich der Behandlungsorganisation mangelt es beim allgemeinen Zahnarzt oft schon an der kindgerechten Ausstattung und an einer positiven Grundeinstellung, so muss für eine erfolgreiche Kinderbehandlung innere Gelassenheit ausgestrahlt werden, auch wenn man Angst vor dem Kind hat. Wer Sicherheit ausstrahlt und eine positive Atmosphäre schafft, der stärkt das Selbstwertgefühl des kleinen Patienten.
Der Behandler sollte zuerst sein eigenes Verhalten betrachten und anpassen, denn das Verhalten des Kindes ist eine direkte Reaktion darauf. Wer Angst vor der Kinderbehandlung hat, vor dem haben auch die Kinder Angst. Bei Erstkontakt mit Behandlungsverweigeren sollten die Ursachen herausgearbeitet werden um herauszufinden, ob im weiteren Behandlungsverlauf Probleme zu erwarten sind. Ziel ist es dem jungen Patienten die Angst zu nehmen und ihn schmerzfrei zu behandeln.
Die umfangreiche Diagnostik bei Kindern beinhaltet allgemeine Anamnese, akute Schmerzanamnese, klinische Untersuchung, Percussionstest und Anfertigung von Röntgenbildern. Prof. Dr. C. Hirsch empfielt erste Röntgenaufnahmen anzufertigen, sobald ein Approximaldefekt vorliegt (Bißflügel ).
Da es sich bei jeder Dentinkaries im Milchgebiß um eine Caries profunda handelt, wird bei Caries ohne Pulpabeteiligung eine direkte Überkappung empfohlen und bei Caries mit Pulpabeteiligung eine endodontische Therapie empfohlen. Wobei die erfolgreiche endodontische Therapie im Milchgebiß von Compliance, Umfeld, Diagnose und nachfolgendem Zahn abhängig ist, auch die Wertigkeit der Milchzähne ist bei der Therapiewahl zu beachten (3er und 5er wichtigste Zähne im Milchgebiß).
Ein weiterer Stolperstein in der Kinderbehandlung ist der Notfall. Denn das Kind ist mit seiner Anamnese und den vorangegangenen Behandlungen unbekannt. Dadurch entsteht ein erhöhtes Konfliktpotential. In der Schmerzbehandlung bei Kindern ist nur bei einer akuten Pulpitis zur Trepanation eine Anästhesie nötig, eine temporäre medikamentöse Einlage (Ledermix) wird empfohlen, sonst bleibt die Extraktion. Bei einer apicalen Parodontitis ohne Schwellung hilft die Trepanation oder die Extraktion. Eine apicale Parodontitis mit ausgedehnter Weichteilschwellung wird mit Hilfe von Schmerzmittel, Trepanation und Antibiotika behandelt, später wird extrahiert. Ein dentogener Abszess wird durch großzügige Trepanation oder direkt durch Extraktion behandelt.
Abschließend gibt Prof. Dr. Christian Hirsch den Zahnärzten noch den Leitfaden „Was tun? Was lassen? In der Kinderbehandlung“ an die Hand.
Wichtig in der Kinderbehandlung ist die Kommunikation mit den jungen Patienten, die sorgfältige Diagnostik, die frühe Suche nach der approximalen Caries und eine realistische Behandlungsplanung in der nach der Wertigkeit der Zähne für die weitere Gebißentwicklung entschieden wird. Auch die Unterstützung durch die Elternteile sollte gegeben sein. Die Angst vor der Anästhesie sollte sowohl beim Zahnarzt als auch bei den kleinen Patienten abgebaut werden.
Behandlungen ohne vorhergehende Diagnostik und Planung sind, wie Füllungen in schmerzfreien Milchzähnen mit Pulpabeteiligung, zu vermeiden. Trepanierte und offengelassene Zähne stellen auch in der Kinderbehandlung keine Dauerlösung dar. Des weiteren sind direkte Überkappungen, schrittweise Kariestherapie und Inzision an Milchzähnen keine Therapie der Wahl im Milchgebiß.