Dr. Francesca Vailati, Genf
Adhäsion statt Friktion - Prothetik ohne Stift und Krone
Dr. Francesca Vailati zeigte in ihrem Vortrag neue Wege der minimalinvasiven Rehabilitation durch die Adhäsivtechnik. Anhand zahlreicher Patientenfälle demonstrierte sie eindrucksvoll, wie bei stark erosiv geschädigten Gebissen eine komplette Überkronung vermieden werden kann. Zu Beginn hinterfragte Dr. Vailati die Qualität einer prothetischen Therapie und die Gründe für eventuelle Misserfolge. Sie unterschied drei Ursachen für das Versagen einer Restauration. Erstens: Bakteriell bedingte periapikale Läsionen. Zweitens: Mechanische Auslöser wie z.B. Fraktur der Restauration oder der Zahnsubstanz. Drittens: Ästhetische Mängel durch die falsche Farbgestaltung, den Restaurationsrand und seiner Anpassung an die Gingiva. In vielen Fällen sei das ästhetische Bild der marginalen Gingiva bei Kronen nicht dauerhaft zufriedenstellend. Das Patientenbewusstsein für eine ästhetische Versorgung sei jedoch deutlich gewachsen. Viel zu häufig werde die traditionelle orale Rehabilitation durch Kronen bzw. Stiftversorgungen gewählt. Anhand von Fotos belegte sie deutliche Fälle zahnärztlicher Übertherapie. Dr. Vailati sprach sogar von einer „iatrogenen Attacke“ auf den Patienten. Besonders häufig sei dies der Fall bei Patienten mit ausgeprägten Erosionen. Sie kritisierte den hohen Zahnhartsubstanzverlust bei der Präparation von klassischen Kronen und Veneers. Generell sei eine Zunahme der erosiv geschädigten Gebisse zu verzeichnen. Allein in Grossbritannien seien 40 Prozent der Teenager durch übermässigen Konsum von Soft-Drinks betroffen. Weiterhin sei die Problematik bei vielen Refluxpatienten und Bulimikern gegeben. In besonders schweren Fällen seien die supragingivalen Anteile des Zahnes allein nicht mehr fähig, eine prothetische Krone zu tragen. Dies führe zur routinemässigen Devitalisation und Stiftversorgung. In den Augen der Referentin büße dadurch aber der erosiv geschädigte Zahn unnötig wertvolle Zahnhartsubstanz ein.
Zahnerhalt durch Adhäsivtechnik. Seit vier Jahren wendet Dr. Vailati eine neue, schonende Technik zur Behandlung von Erosionsgebissen an - die sogenannte „Sandwichtechnik“. Nach einer Erhöhung der gesamten vertikalen Dimension des Gebisses wird im Frontzahnbereich zunächst die palatinale Fläche einschließlich der Inzisalkante mit einem Compositonlay versehen. Um den labial sichtbaren Übergang zwischen Composit und Zahnsubstanz zu verdecken, werden 0,3 Millimeter dünne Keramikveneers verwendet. Diese ermöglichen eine sehr natürliches Restaurationsbild. Die Zahnfarbe entspreche weitestgehend dem durch die Keramik schimmernden Schmelz und der Zahnhartsubstanzverlust durch Präparation sei minimal. Die Referentin zeigte auch eine minimalinvasive Lösung für den Prämolarenbereich. Hier wendet sie eine Kombination aus Keramikveneer und Onlay an, so dass die Restauration an die Form des Buchstaben L erinnert. Während die Okklusalfläche dieser Keramikversorgung eine etwas höhere Schichtstärke aufweist, so genüge auch hier im vestibulären Bereich eine Präparationsbreite von nur 0,3 Millimetern. Gerade die heutige Generation habe hohe ästhetische Ansprüche und ein Bewusstsein für real aussehende Zähne, so Dr. Vailati. Sie betonte bislang keine Misserfolge mit ihrer Technik verzeichnen zu können. Auch nach drei Jahren in situ sei die Verbindung zwischen Compositonlay und Veneer makellos. Das durch Erosion und die folgende Sklerosion veränderte Dentin könne aber nur suffizient behandelt werden, wenn die Adhäsivtechnik einem strengen Protokoll folge. Der einzige Grund für ein Versagen dieser Versorgung sei das mechanische Risiko. Eine nachts zu tragende Schutzschiene könne die Frakturgefahr jedoch bannen. Bei Patienten mit starken Abrasionen durch Bruxismus sei diese minimalinvasive Versorgung mit der „Sandwichtechnik“ allerdings nicht zu empfehlen.
Dr. Vailati mahnte bei Erosionsgebissen nicht mit der Behandlung zu warten, bis der Zerstörungsgrad eine Überkronung rechtfertige. Vielmehr hält sie ein frühes minimalinvasives Einschreiten für sinnvoll um weiteren Schaden von den Zähnen abzuwenden. Falls notwendig, sei eine spätere Kronenversorgung des Gebisses weiterhin möglich. Die generelle Indikation zur Überkronung eines Zahnes ist nach Meinung der Referentin jedoch durch die Adhäsivtechnik sehr selten geworden.
Autorin: Dr. Inga Potthoff