Prof. Dr. Dr. Friedrich W. Neukam, Erlangen
Immer Implantate - Abschied von den klassischen Indikationen?
Prof. Neukam appelierte in seinem Vortrag an alle Zahnärzte, sich mit der Implantologie auseinander zu setzen. Seiner Ansicht nach gehörten Implantate in die zahnärztliche Praxis. Jeder Patient müsse über die Behandlungsmöglichkeit mit Implantaten aufgeklärt werden, auch wenn dies eine Überweisung an einen versierteren Kollegen zur Folge habe. Das Ziel der Implantologie für die Zukunft sei die Sofortimplantation und Sofortbelastung der Implantate. Die 3D-Analyse werde künftig eine immer größere Rolle bei der implantologischen und prothetischen Planung spielen.
Immer Implantate? - Abschied von den klassischen Indikationen? Beide Fragen beantwortete Prof. Dr. Dr. Neukam gleich zu Beginn seines Vortrages ohne Zögern mit „ja“.
Der Referent gab zunächst einen kurzen Überblick über die Entwicklung der Implantate in den letzten 50 Jahren. Zahnärzte machten erste klinische Erfahrungen durch Pioniergeist und Empirie. Es habe viele Berichte über schreckliche Komplikationen bei der Implantation gegeben und es gab noch keine implantologischen Fortbildungen. Die Implantologie galt als „ Rotlichtmilieu der Zahnmedizin“. Das ist heute nicht mehr der Fall. Der Forderung nach Studien und klinischen Prüfungen folgte die Ära der belegbaren Daten. Eine nun fast schon 20-jährige Erfahrung zeige, dass durch Implantation Gewebsverlust vermieden werden kann und eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit bei der Versorgung mit Implantaten bestehe.
Bis heute kam es in der Implantologie nicht nur zur Indikationserweiterung, (GBR, Osteoplastik, Sinusbodenelevation oder Sofortimplantation), sondern auch zu einer Vereinfachung (z.B. Kurzimplanate) und zu gesteigerten Anforderungen an Ästhetik, Funktion und Strukturerhalt. Für sehr wichtig erachtete Prof. Neukam die ergebnisorientierte Planung. Für den Zahnarzt sei es im Vorfeld wichtig zu wissen, wie das Gewebe reagieren wird. Dabei könne eine 3D-Analyse und Planungssimulation sehr hilfreich sein. Bei Standardimplantationen seien konventionelle Planungsmöglichkeiten wie klinischer Befund, Modellanalyse und ein OPG meist ausreichend. Bei komplexeren Fällen, wie Sofortimplantation oder Sofortbelastung sei eine 3D-Analyse jedoch hilfreich. Dadurch könne eine Augmentation vermieden und die Operationszeit verkürzt werden. Außerdem sei ein präziser Transfer der Planung in die Operation und somit das atraumatische Handling mit Hart- und Weichgewebe möglich.
Sofortimplantation und Sofortbelastung. Diese Verfahren stehen in der Weiterentwicklung der Implantolgie für Prof. Neukam im Vordergrund. Die Herstellung des provisorischen Zahnersatzes im Vorfeld und die direkte Eingliederung nach der Implantation bedeute einen nicht unerheblichen Vorteil für den Patienten. Durch die Sofortimplantation kann das Hart- und Weichgewebe besser stabilisiert werden und das Ergebnis ist gut prognostizierbar. Weitere Vorteile der Sofortimplantation sind einfaches Handling, gute Ästhetik und geringe Komplikationen. Die größte Entwicklung in den letzten Jahren sieht der Referent in der Sofortbelastung und der Entscheidungsfindung für den Zeitpunkt der Implantation. Auch was Länge und Durchmesser der Implantate anbelangt, gab es relevante Änderungen. Das Ziel für die Zukunft soll sein, von augmentativen Verfahren weg zu kommen, um das Procedere für den Patienten komfortabler zu gestalten.
Die Indikation für Implantate hat sich dahin gehend geändert, dass im Vergleich zu früher Implantate da funktionieren, wo wir sie benötigen, und keine prothetischen Kompromisse eingegangen werden müssen. Die Entwicklung von noch besseren Implantatoberflächen sieht Prof. Neukam als Chancen für eine schnellere Belastung und soll eine schnellere Wundheilung bei Risikopatienten (z.B. Osteoporose, Diabetes mellitus) ermöglichen.
Common practice in der Implantologie. Soll der Generalist implantieren? Prof. Neukam ist der Meinung, dass alle Kollegen sich der Implantologie stellen müssen. Die Patienten müssen über die Möglichkeiten der Implantatversorgung informiert werden. Selbst wenn ein niedergelassener Kollege wenige chirurgische Eingriffe durchführt oder nicht implantieren möchte, fordert Prof. Neukam zumindest eine Auseindersetzung mit dem Thema. Für den Referenten ist es für die Zukunft unabdingbar die Implantologie auch zum Bestandteil des Zahnmedizinstudiums zu machen.
Autorin: ZÄ Florentine Carow