Aus dem Vortrag:
Guten Morgen, meine Damen und Herren. Zunächst möchte ich Herrn Prof. Heners für seine Einladung danken, heute diesen Vortrag zu halten. Es ist eine große Ehre für mich, in die Fußstapfen der berühmten Persönlichkeiten zu treten, die in den Vorjahren bei dieser Konferenz als Redner aufgetreten sind.
Zum Thema dieses Vortrags habe ich die fundamentalste Veränderung gewählt, die sich derzeit in der Welt vollzieht, nämlich den politischen und wirtschaftlichen Aufstieg Asiens und seine Folgen für die Zukunft. Wird diese Entwicklung zu einer neuen Weltordnung führen?
Dies ist ein sehr umfassendes Thema, mit dem sich die westlichen Länder noch keineswegs völlig vertraut gemacht haben. Die Einschätzung, die ich Ihnen heute bieten werde, beruht dabei sowohl auf meinen persönlichen als auch auf meinen beruflichen Beobachtungen.
Zunächst möchte ich Ihnen kurz mein Unternehmen" HSBC, vorstellen.
HSBC ist das größte Finanzdienstleistungsunternehmen Europas und das drittgrößte der Welt. Wir beschäftigen rund eine vierter Million Menschen in 77 Ländern rund um den Globus und erbringen fast alle Arten von Finanzdienstleistungen, die je ersonnen wurden. Unser Angebot reicht von komplizierten Transaktionen für die größten Konzerne der Welt über Leistungen für mittelständische Betriebe und vermögende Privatkunden bis zu Girokonten, Kreditkarten und Hypotheken für Normalverdiener. Über 110 Millionen Kunden vertrauen uns ihre Finanzgeschäfte an. In unserer Belegschaft ist fast jede Kultur vertreten, die Sie sich vorstellen können, und dasselbe gilt auch für unsere Kunden. Damit ist HSBC eine wahrhaft multikulturelle Institution.
Schon seit seiner Gründung gehört die Internationalität zu den wichtigsten Eigenschaften von HSBC, Das Unternehmen wurde 1865 in Hongkong von einer Gruppe kosmopolitischer Geschäftsleute gegründet, die eine Bank benötigten, um den wachsenden internationalen Handel zwischen China, den USA und Europa zu finanzieren.
Unser erstes Direktorium setzte sich aus britischen, deutschen, schweizerischen, persischen und amerikanischen Geschäftsleuten zusammen und spiegelte damit die internationale Orientierung des Konzerns. Tatsächlich hatten deutsche Geschäftsinteressen in den Anfangsjahren einen ganz wesentlichen Einfluss auf HSBC. So saßen viele Jahre lang zwei deutsche Geschäftsleute im Direktorium, und 1889 wurde neben Niederlassungen in London und Lyon auch eine Zweigstelle in Hamburg eröffnet. Damit war der Grundstein für HSBC in Europa gelegt.
Heute steht unser Geschäft auf einer breiten Basis, und wir erzielen unsere Einnahmen zu etwa gleichen Teilen auf drei Kontinenten: Europa, Asien und Amerika. Als Unternehmen haben wir uns ganz bewusst entschieden, uns sowohl in Industrieländern wie Deutschland, Großbritannien und den USA als auch in Schwellenländern wie Mexiko, Brasilien, Indien und China zu engagieren.
Die Ursprünge von HSBC und unsere jüngste Entwicklung spiegeln in hohem Maße den Wandel der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den letzten 200 Jahren, der dynamischsten Zeit in der gesamten bekannten Menschheitsgeschichte. Bevor ich mich nun der Zukunft zuwende, möchte ich zunächst in die Vergangenheit zurückblicken, um die Veränderungen, mit denen wir uns heute konfrontiert sehen, in einen Kontext zu stellen.
HSBC wurde im 19. Jahrhundert auf dem Höhepunkt des Welthandelsbooms und der globalen Integration gegründet. Bis etwa 1820 konnten die Menschen ihren Wohlstand und ihre Lebenserwartung nur geringfügig steigern. So bezeichnete der englische Philosoph Hobbes das Leben treffend als "einsam, arm, hässlich, brutal und kurz." Noch 1900 betrug die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung lediglich 31 Jahre, wobei allerdings in den westlichen Ländern bereits ein deutlicher Anstieg auf 46 Jahre zu verzeichnen war. Es ist eine ziemlich ernüchternde Vorstellung, dass vor gerade einmal 100 Jahren nur wenige von uns hier gesessen hätten.
Das wachsende Tempo der industriellen Revolution ab etwa 1820 führte erstmals in der Geschichte zu einer erheblichen Zunahme des Wohlstands. Zu diesem Zeitpunkt setzte ein Anstieg des Pro-Kopf-Einkommens ein, der sich nach 1870 noch einmal beschleunigte. Dies war der erste bedeutende Wachstumsschub in der Menschheitsgeschichte. Der technische Fortschritt - die Einführung schneller Schiffe, Eisenbahnen und Kommunikationsmittel - und die ungehinderte Entwicklung des Handels verwandelten die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Art goldenes Zeitalter des globalen Wirtschaftswachstums.
Dies war zumindest in einigen Ländern der Fall. Eine genauere Analyse der Zahlen zeigt jedoch, dass das Wirtschaftswachstum sehr ungleich über die Welt verteilt war.
Die westlichen Länder, in denen die Industrialisierung voranschritt, erzielten hohe Wachstumsraten. Dies galt sowohl für Europa als auch für die USA. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg dehnte der Einfluss dieser Länder sich zwangsläufig auf die ganze Welt aus.
Im Gegensatz dazu war die Situation in Asien von Stagnation geprägt. Zwei der bevölkerungs- und traditionsreichsten Länder der Welt, China und Indien, verzeichneten nur sehr bescheidene und zeitweilig sogar negative Wachstumsraten. Dadurch sank ihr Anteil an der globalen Wertschöpfung erheblich. 1820 erbrachte Asien über die Hälfte der, globalen Wirtschaftsleistung. Klammert man Japan aus, so betrug der Anteil der Region am Weltvermögen 1950 nur noch 15 Prozent, obwohl damals über die Hälfte der Weltbevölkerung dort lebte.
Andererseits stiegen die USA, die 1820 ein aufstrebender Staat mit zehn Millionen Einwohnern waren, der sich in wirtschaftlicher Hinsicht mit keinem einzigen fahrenden europäischen Land und schon gar nicht mit China oder Indien messen konnte, in nur 100 Jahren zur führenden Wirtschaftsnation der Welt auf. Und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1989 gilt Amerika allgemein als einzige verbliebene Supermacht auf der Welt.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich jedoch in Asien ein Wirtschaftswunder ereignet. Nachdem Japan den Weg bereits gewiesen hatte, gelang es auch anderen Ländern wie Hongkong, Korea, Singapur und Taiwan, ab den 50er Jahren ihre bittere Armut zu überwinden und sich in wohlhabende, produktive Volkswirtschaften zu verwandeln, deren wirtschaftlicher Entwicklungsstand und Lebensstandard heute mit dem der G7-Länder vergleichbar ist.
Allerdings leben in diesen Ländern weniger als drei Prozent der über drei Milliarden Asiaten.
Hier stellt sich die Frage, ob die zwei größten Länder Asiens und sogar der ganzen Welt, China und Indien, im 21. Jahrhundert einen ähnlichen Wandel vollziehen können. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren wir Zeugen einer dramatischen wirtschaftlichen Erholung dieser Länder, die beide über eine Milliardenbevölkerung verfügen. Im 21. Jahrhundert deutet vieles darauf hin, dass der Aufstieg Chinas und Indiens unsere Welt verändern wird.
Tatsächlich verglich ein im Dezember veröffentlichter Bericht des amerikanischen National Intelligence Council den Aufschwung in diesen. Ländern mit der Entwicklung Deutschlands im 19. und der USA im 20. Jahrhundert.
Lassen Sie mich zunächst zusammenfassen, was in den letzten 25 Jahren erreicht wurde, bevor ich mich den künftigen Folgen für die Industrieländer zuwende.
Zuerst möchte ich auf China eingehen. Unter der Regierung von Deng Xiaoping brachte China vor 25 Jahren eine Reihe von Wirtschaftsreformen auf den Weg.
Dengs berühmtes Motto lautete: Es spielt keine Rolle, ob die Katze schwarz oder weiß ist, solange sie Mäuse fängt. Mit dieser Einstellung konnte er erstaunlich erfolgreich die Wirtschaft ankurbeln und damit buchstäblich Hunderte Millionen Menschen aus bitterster Armut befreien.
Die Umwälzungen in China kamen so schnell und so unerwartet, dass die Menschen im industrialisierten Westen erst jetzt allmählich beginnen, in dem Land eine aufstrebende Weltmacht zu erkennen.
Dass China eine Macht ist steht jedoch außer Zweifel. Schon jetzt ist das Land die sechst größte Volkswirtschaft der Welt. Gemessen an der Kaufkraft belegt es bereits Rang zwei hinter den USA. Goldman Sachs hat vorhergesagt, dass China die USA 2040 als größte Wirtschaftsnation der Welt ablösen wird, wobei die Zeitschrift The Economist kürzlich den Verdacht äußerte, diese Prognose könne noch zu vorsichtig sein. Der Einfluss Chinas ist heute auf vielen Märkten zu spuren, vom Ölpreis, der durch die große Nachfrage des Landes zusätzlich in die Höhe getrieben wird, bis zur Verbilligung von Konsumgütern wie Elektronik und Textilien.
Die zunehmende Öffnung gegenüber dem Ausland, die Liberalisierung des Handels und der Übergang zu marktwirtschaftlichen Strukturen haben im letzten Vierteljahrhundert dazu beigetragen, China zum Besseren zu verändern. Nun beeinflusse China die Welt. Im letzten Jahrzehnt hat sich das Land in der Produktion eine globale Spitzenposition erarbeitet, und dieser Erfolg wurde durch den Übergang von einer Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft in den vergangenen 25 Jahren ermöglicht.
Heute ist China der größte Stahl-, Kohle-, Zement- und Düngemittelproduzent der Welt und hat auch bei der Herstellung einer breiten Palette von Konsumgütern eine globale Führungsrolle übernommen. 2004 stieg das Land zum weltweit drittgrößten Lieferanten von Fabrikwaren auf. Zwei Drittel aller Fotokopierer, Mikrowellengeräte, DVD-Player und Schuhe und über die Hälfte aller Digitalkameras werden in China produziert.
Außerdem wird China laut Prognosen der WTO nach der Aufhebung der Textilquoten im vergangenen Jahr künftig über die Hälfte des globalen Textilmarkts kontrollieren.
Sagt Ihnen der Name Datang etwas? Datang ist eine chinesische Stadt, die in der Region als "Sockenmetropole" bekannt ist. Tatsächlich tragen wahrscheinlich viele der in diesem Raum versammelten Personen Socken aus Datang. Die Stadt produziert neun Milliarden Paar Socken pro Jahr.
Das ist ein Drittel der gesamten weltweiten Sockenproduktion und mehr als ein Paar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf diesem Planeten. Die jährliche Sockenmesse in Datang wird von über 100.000 Käufern aus aller Welt besucht. Und doch war Datang vor 25 Jahren noch ein kleines Reisbauerndorf mit rund 1.000 Einwohnern.
Es gibt Dutzende ähnliche Beispiele für die Entwicklung Chinas, die dazu geführt haben, dass das Land heute als Fabrik der Welt" bezeichnet wird.
Am wichtigsten für die chinesische Bevölkerung ist dabei, dass die Armut durch das Wirtschaftswachstum außerordentlich wirksam bekämpft werden konnte. Laut Angaben, der UN ist der Anteil der chinesischen Bevölkerung, der in absoluter Armut lebt, seit 1979 von 25 auf nur zwei Prozent gesunken. Das UN-Lebensmittelprogramm hat das frühere Empfängerland China aufgefordert, künftig als Geberland anderen zu helfen.
Für ausländische Unternehmen und andere Staaten birgt der wirtschaftliche Aufschwung Chinas nicht nur Risiken, sondern auch Chancen.
Die Risiken ergeben sich hauptsächlich durch den Wettbewerb. Mit seinem reichlichen Angebot an billigen Arbeitskräften kann China einige Produkte in Übersee zu Preisen verkaufen, zu denen die Konkurrenz vor Ort noch nicht einmal die Rohstoffe beschaffen könnte.
Im Dezember schrieb die FT dazu: "Die Ängste und Befürchtungen, die das beharrliche jährliche Wirtschaftswachstum Chinas im verarbeitenden Gewerbe auslöst, kann man kaum übertreiben."Und die BusinessWeek bezeichnete kürzlich "den chinesischen Preis" als die drei Angstwörter der US-Industrie.
Da China die Märkte für Billigwaren beherrscht, neigen die Europäer dazu, das Land als billigen Lieferanten für anspruchslose Produkte zu betrachten. Das wird jedoch nicht immer so bleiben. Max Grundig hat einmal bemerkt, die Japaner würden niemals einen Fernseher bauen. Die Industrieländer sollten sich hüten, die Fähigkeiten Chinas ähnlich zu unterschätzen.
China wird in der Wertschöpfungskette aufsteigen und die Welt nicht nur im Bereich der Produktion, sondern auch der Hochtechnologie und der Forschung herausfordern, auch wenn dies nicht über Nacht geschehen wird.
Ausländische Firmen wie Siemens gründen bereits Forschunszentren im Perlflussdelta, die Forschungsleistungen auf höchstem Niveau erbringen. Zu den 30.000 Menschen, die Siemens mittlerweile in China beschäftigt, gehören Hunderte promovierter Forscher, deren Arbeitsergebnisse auch am Stammsitz in München Verwendung finden.
Es gibt auch Anzeichen für verstärkte Investitionen chinesischer Unternehmen in die Forschung und Entwicklung. Bei Huawei Technologies, einem führenden chinesischen Hochtechnologieunternehmen, fließen zehn Prozent der Umsatzerlöse in die Forschung und Entwicklung. Das Unternehmen beschäftigt in diesem Bereich 10.000 Mitarbeiter und damit fast die Hälfte seiner Belegschaft. Letzte Woche las ich, dass Huawei kürzlich einen Auftrag mit einem Volumen von 100 Millionen Dollar für die Lieferung von Telekommunikationsanlagen in die Niederlande erhalten hat, und zwar von einem führenden europäischen Anbieter zusammenarbeitete.
Die ist nicht nur ein Beweis für den Ehrgeiz, sondern auch für die Fähigkeit chinesischer Unternehmen, im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Abschlüsse wie die Übernahme des PC-Geschäfts von IBM durch die chinesische Firma Lenovo Ende letzten Jahres und die aktuellen Gespräche zwischen der Shanghai Automotive Industry Corporation und der britischen Firma Rover belegen diesen Trend. Und die Zeitschrift BusinessWeek meldete letzten Monat einen kleinen Boom chinesischer Investitionen in Deutschland. Davon konnte besonders die Stadt Hamburg profitieren, in der sich rund 360 chinesische Unternehmen angesiedelt haben. In einigen Fällen haben chinesische Investoren gefährdete oder zahlungsunfähige deutsche Unternehmen gekauft und damit einerseits wertvolle Arbeitsplätze in Deutschland gerettet und andererseits eine Plattform für ihr eigenes Wachstum in der größten Volkswirtschaft Europas geschaffen.
Immer wieder wird auf die Bedrohung der Industrieländer durch die billigen Arbeitskräfte in China hingewiesen. Tatsächlich eröffnet die Einbindung Chinas ins globale Wirtschaftsgeschehen den westlichen Ländern und Unternehmen aber auch neue Chancen. Multinationale Konzerne versuchen, auf dem chinesischen Inlandsmarkt Fuß zu fassen. Dahinter steht die Überlegung dass das verfügbare Einkommen der Menschen steigt, wenn sie von der Subsistenzwirtschaft zur Arbeit in einer produktiven Industrie wechseln, und damit ein großer neuer Konsumgütertmarkt entsteht.
McKinsey schätzt, dass es 2010 in China 40 Millionen Mittelschichtshaushalte mit einem Einkommen von 6.000 US-Dollar geben wird, was der Kaufkraft von 24.000 US-Dollar in den USA entspricht. Ausschlaggebend für das künftige Wachstum Chinas ist also nicht nur der Export, sondern auch die Befriedigung der Inlandsnachfrage.
Tatsächlich ist bereits eine steigende Nachfrage nach Konsumgütern wie Kosmetik- und Toilettenartikeln, verpackten Lebensmitteln und Erfrischungsgetränken zu verzeichnen. Vor einem Jahrzehnt war es noch unmöglich, in Shanghai eine westliche Zahnpasta zu bekommen. Letztes Jahr hat dort der erste Ferrarihändler eröffnet. Einige multinationale Konzerne wie Coca-Cola, Nestle und Procter & Gamble konnten in China Milliardenumsätze erzielen, indem sie sich auf die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung konzentrierten.
Dieser wachsende Markt bietet ein enormes Potential, und es wird hier einen starken Konkurrenzkampf zwischen ausländischen und chinesischen Unternehmen geben. Globale Marken versuchen, sich auf dem lokalen Markt zu etablieren. So verfügt beispielsweise BMW über eine eigene chinesische Marke, "Bao-Ma", was wörtlich soviel bedeutet wie "edles kostbares Pferd". Und im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking 2008 konkurrieren globale Marken wie Nike und Adidas mit lokalen Wettbewerbern wie Li Ning und Anta um Anteile am wachstumsstarken Markt für Sportbekleidung.
Natürlich gibt es in China hinsichtlich des Einkommens, des Lebensstils und des Entwicklungsstands große regionale Unterschiede, die in etwa mit den Verhältnissen innerhalb der EU nach der Osterweiterung vergleichbar sind. Das verfügbare Einkommen ist in den Städten sehr viel höher als auf dem Land. Aber die Saat für die Entstehung des wohl bald größten Konsumgütermarkts der Welt ist gesät.
Dieses erstaunliche Wachstum in China hat vielleicht den Aufstieg der anderen asiatischen Nation mit einer Milliardenbevölkerung überschattet. Indien ist jedoch gemessen an der Kaufkraft bereits die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und eines der drei Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum in Asien. 2004 lag das BIP-Wachstum in Indien bei rund 6 Prozent und damit weit oberhalb der Möglichkeiten irgend eines Industrielands.
Das reale Bruttosozialprodukt pro Kopf hat sich in Indien durch das Wirtschaftswachstum zwischen 1980 und 2000 verdoppelt.
Dies ist hauptsächlich zwei Revolutionen zu verdanken, nämlich zum einen der grünen Revolution, die die landwirtschaftliche Produktivität steigerte, und zum anderen der Liberalisierung des Handels und den Investitionsgesetzen, die den Unternehmen Handlungsspielräume verschafften. Außerdem weist Indien einige Merkmale auf, die gemeinhin mit erfolgreichen Volkswirtschaften in Verbindung gebracht werden. Dies sind eine vernünftige Regierung, eine freie Presse, der Rechtsstaat und der Schutz des Privateigentums.
Darüber hinaus bietet Indien noch andere Vorteile, insbesondere in Bezug auf sein Angebot an Arbeitskräften. Das Land verfügt über ein ausgezeichnetes Hochschulsystem, das eine Menge qualifizierte Fachkräfte hervorbringt. Über 24 Millionen Inder haben einen Hochschulabschluss. Dies sind 60 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Damit entspricht die Zahl der Akademiker in Indien in etwa der Gesamtbevölkerung Schwedens, Norwegens, Dänemarks und Finnlands.
Außerdem ist in einer Welt, in der 40 Prozent der globalen Wertschöpfung von englischsprachigen Ländern erwirtschaftet werden, die starke Verbreitung der englischen Sprache ein großes Plus. In Indien gibt es über tausend technische Hochschulen mit Englisch als Unterrichtssprache, an denen sich Jahr für Jahr rund 350.000 Studenten einschreiben. Mit seiner großen englischsprachigen Bevölkerung ist Indien bereits die zweitgrößte englischsprachige Nation hinter den USA und könnte diese eines Tages sogar überholen.
Diese qualifizierten, englischsprachigen Arbeitskräfte, die billiger zu haben sind als in Großbritannien oder den USA, sind der Hauptgrund für den Boom des Dienstleistungssektors durch die Verlagerung von Verwaltungs- und IT-Leistungen, die Indiens berühmtesten Exportschlager darstellen.
Schätzungen zufolge haben über die Hälfte der Fortune 500 Untemehmen einen Teil ihrer IT-Leistungen nach Indien verlagert.
Ein eindrucksvoller Beweis für das anhaltende Interesse der Unternehmen an der Verlagerung von Arbeitsleistungen war die Teilnehmerzahl einer Fachkonferenz in Bombay, bei der ich letzten Monat als Redner auftrat. Über tausend interessierte aus Indien und dem Ausland besuchten diese Veranstaltung. Zu den Referenten gehörte auch der Vorstandsvorsitzende der Firma Siemens, die in Indien rund 15.000 Mitarbeiter beschäftigt.
Wie China beschränkt sich auch Indien längst nicht mehr auf anspruchslose, arbeitsintensive Aufgaben. In den Bereichen, in denen seine besonderen Stärken liegen, steigt das Land in der Wertschöpfungskette auf. Wo ursprünglich nur die Verlagerung einfacher Routinetätigkeiten geplant war, werden jetzt anspruchsvolle Leistungen wie Softwareentwicklung, medizinische Diagnostik oder Finanzanalysen erbracht. Selbst an den Zahnärzten geht diese Entwicklung nicht vorbei. Wenn Sie bei Google den Suchbegriff "Dental Tourism" eingeben, finden Sie eine Reihe von Angeboten für günstige Zahnbehandlungen in Verbindung mit vierzehn Tagen Strandurlaub in Indien.
Die einzige Wolke, die diesen Horizont verdüstert ist vielleicht, dass die rasante Entwicklung dieses Wirtschaftszweigs, die ein solcher Erfolg für Indien war, in einigen Ländern eine ebenso unerwünschte wie ungerechtfertigte Gegenreaktion gegen die Verlagerung von Arbeitsleistungen ausgelöst hat, da man den Verlust von Arbeitsplätzen befürchtet. Wie immer gibt es jedoch auch einen Silberstreif am Horizont: Der Economist wagte kürzlich die Prognose, dass die, westlichen Länder demnächst aufhören würden, die Verlagerung von Arbeitsplätzen als Problem zu empfinden und beginnen würden, sie als Lösung der wirtschaftlichen Probleme zu betrachten, die sich durch den Rückgang ihrer eigenen Arbeitsbevölkerung ergeben.
Der Erfolg Chinas in der Produktion und die fahrende Rolle Indiens auf dem Gebiet der IT-Leistungen haben viele Kommentatoren veranlasst, China zur Fabrik und Indien zum Dienstleister der Welt zu erklären. Dies ist zwar nicht ganz unrichtig, vermittelt meines Erachtens aber ein zu einfaches Bild von der komplexen indischen Wirtschaft und ihrem Wachstumspotential.
Auf dem Gebiet der IT-Leistungen kann Indien außerordentliche Erfolge verbuchen. Soviel steht fest. Doch auch nach den optimistischsten Prognosen werden in dieser Branche höchstens vier Millionen Arbeitsplätze entstehen. In einem Land mit einer Arbeitsbevölkerung von 400 Millionen Menschen, die jedes Jahr um weitere zehn Millionen wächst steht ebenso fest, dass die IT-Industrie nicht der einzige Wachstumsmotor sein kann.
Nicht nur im Dienstleistungssektor, sondern auch in der Produktion müssen Arbeitsplätze entstehen und auch die Landwirtschaft wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Wir beurteilen die Zukunft Indiens optimistisch. Ich bin davon überzeugt dass kein Investor es sich leisten kann, dieses Land links liegen zu lassen. Der Erfolg, der indischen Diaspora Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler, Geschäftsleute beweist seit langem das Potential, das dort vorhanden ist. Sollte irgendjemand noch daran gezweifelt haben, so hat ihn der globale Technologieboom inzwischen eines Besseren belehrt.
Dies war ein sehr grober Überblick über diese zwei riesigen und äußerst komplexen Volkswirtschaften. Ich hoffe aber dass er Ihnen einen Eindruck vom Umfang der Umwälzungen vermitteln konnte, die sich in diesen beiden Ländern vollziehen, und von den Chancen, durch den wirtschaftlichen Aufschwung dort die extreme Armut zu überwinden.
So wie Taiwan, Hongkong und Korea sich in den 50er Jahren aus bitterer Armut befreien und in moderne, produktive Volkswirtschaften verwandeln konnten, wird in den kommenden Jahrzehnten wahrscheinlich auch anderen Ländern ein ähnlicher Wandel gelingen. Ich war letzte Woche in Vietnam einem Land, dessen 'Einwohnerzahl ungefähr der Deutschlands entspricht und das in den letzten vier Jahren enorme Wachstumsraten erzielt hat. Voraussichtlich wird das Wachstum dort auch im laufenden Jahr wieder acht Prozent erreichen. Der Zustrom ausländischer Investitionen aus Japan, Deutschland, Frankreich und anderen Ländern pro Kopf der Bevölkerung hat in Vietnam inzwischen dasselbe Niveau erreicht wie in China.
Aber zweifellos wird der Aufstieg Chinas und Indiens in einer immer stärker zusammenwachsenden Welt die gegenwärtige Weltordnung am stärksten verändern. Wenn wir akzeptieren, dass diese beiden Länder im 21. Jahrhundert wieder einen Anteil am Weltvermögen beanspruchen, der eher ihrer natürlichen Bedeutung entspricht, was heißt das dann für die reichen Länder von heute einschließlich der fahrenden europäischen, Wirtschaftsnationen?
Hört man auf die Schwarzseher, so könnte man meinen, dass der Untergang des Abendlandes bevorsteht. Deshalb muss ich gleich klarstellen, dass ich kein Pessimist bin. Europa hat seine Fähigkeit sich selbst neu zu erfinden, immer wieder unter Beweis gestellt und wird enorm unterschätzt.
Das heißt nicht, dass uns keine Probleme bevorstehen. Die Abwanderung von Arbeitsplätzen an billigere Standorte sorgt in vielen Ländern, auch in Großbritannien und den USA, bereits für erbitterte Auseinandersetzungen.
Dies ist ein emotionsgeladenes Thema, und ich bin mir sicher, dass diese Debatte in Deutschland, wo die Arbeitslosigkeit kürzlich mit über fünf Millionen den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht hat, sehr emotional geführt wird. Es steht auch außer Frage, dass diejenigen, die in bedrohten Branchen arbeiten, sehr unter der Angst vor dem Verlust ihrer Arbeitsplätze leiden.
Wenn wir den Lauf der Geschichte betrachten, ergibt sich jedoch ein anderes Bild, das vielleicht mehr Anlass zum Optimismus bietet. So hat beispielsweise Großbritannien in den letzten 25 Jahren über drei Millionen Industriearbeitsplätze an billigere Entwicklungsländer verloren. Im gleichen Zeitraum sind aber im Dienstleistungssektor von der Informationstechnologie über das Finanzdienstleistungsgeschäft bis zur Gastronomie mehr als sechs Millionen neue Arbeitsplätze entstanden. In der Landwirtschaft arbeiten mittlerweile weniger als zwei Prozent der Arbeitsbevölkerung. Und vergleichbare Entwicklungen sind in allen Industrieländern zu beobachten.
Viele Leute fragen, wo die neuen Arbeitsplätze in Zukunft herkommen sollen, wer die Menschen, die heute in' Call-Centern und bei Internetprovidern arbeiten, in Zukunft beschäftigen soll, wenn solche Tätigkeiten für einen Bruchteil der Kosten im Ausland erledigt werden können. Die ehrliche Antwort lautet natürlich: "Wir wissen es nicht." Vor 20 Jahren gab es keine Arbeitsplätze in Call-Centern und Internetunternehmen, und kaum jemand rechnete damals mit der technischen Revolution, der wir ihre Entstehung verdanken. Fest steht nur, dass uns weitere Veränderungen bevorstehen.
Wenn die europäischen Länder ihren derzeitigen Lebensstandard wahren wollen, müssen sie das Thema Arbeit unbedingt flexibler angehen und eine positive Haltung gegenüber den Veränderungen entwickeln, die uns unweigerlich bevorstehen. Die Regierungen Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und einzelnen Menschen werden die Zwangsläufigkeit des Wandels akzeptieren und sich konstruktiv auf ihn vorbereiten müssen.
Auch die Auseinandersetzung über die internationalen Handelsbeziehungen wird sich weiter verschärfen. Die Geschichte hat gezeigt, dass Handel und Wirtschaftswachstum Hand in Hand gehen. Der Handel ist kein Nullsummenspiel: Wenn eine Partei gewinnt, heißt das nicht, dass eine andere verlieren muss. Allerdings ist der Handel auch keine Einbahnstraße. Wenn die Entwicklungsländer ihre Märkte unter den Fittichen der WTO öffnen, werden sie von den westlichen Ländern im Gegenzug ebenfalls die Aufhebung der Einfuhrbeschränkungen verlangen, insbesondere für Textilien und landwirtschaftliche Erzeugnisse.
Ich bin ein Banker, und deshalb hoffe ich auf Ihr Verständnis dafür, dass ich auch die Auswirkungen auf das globale Finanzsystem anspreche, dem meines Erachtens ebenfalls fundamentale Veränderungen bevorstehen.
In den letzten Jahren sind unzählige Artikel über das Haushaltsdefizit der USA erschienen, das zu einer erheblichen Störung des Gleichgewichts auf den internationalen Finanzmärkten geführt hat. Ich will hier nicht ins Detail gehen, aber im Prinzip lebt Amerika von asiatischen Ersparnissen. Die US-Regierung konnte sich billig Geld leihen, weil die asiatischen Länder bereit waren, ihr im großen Stil ihre überschüssigen Dollars zur Verfügung zu stellen. Etwa zwei Drittel des US-Defizits werden mit, asiatischen Mitteln gedeckt.
Doch mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der asiatischen Länder werden diese versuchen, höhere Renditen für ihre Reserven in Höhe von zwei Billion Dollar zu erzielen. Warum sollten sie ihr Geld auch weiterhin so billig an die USA verleihen? Im Laufe der Zeit werden sie stärker in ihre eigenen Märkte investierend. Heute beherrschen Finanzplätze wie London und Frankfurt das Geschehen. Morgen werden sie sich zwangsläufig einer stärkeren Konkurrenz durch neue asiatische Finanzzentren ausgesetzt sehen.
Lassen Sie mich einige Schlussfolgerungen ziehen. Wenn China seinen aktuellen Wachstumskurs fortsetzt, wird seine Wirtschaft in weniger als 30 Jahren so groß sein wie die der USA. Auch Indien wird zunehmend an Einfluss gewinnen.
Dies ist mehr als nur ein wirtschaftliches Phänomen. Der Aufstieg Chinas und Indiens wird das Gefüge der internationalen Beziehungen erheblich verändern. Ich würde so weit gehen, die wirtschaftliche Modernisierung Asiens als die bisher gravierendste Folge der Globalisierung zu bezeichnen.
Das Machtgleichgewicht ist ins Schwanken geraten. Die Ära der ökonomischen Vormachtstellung einer kleinen Gruppe reicher, überwiegend dem westlichen Kulturkreis zugehöriger Länder neigt sich dem Ende zu. In Zukunft wird die Macht gleichmäßiger verteilt sein, wenn Asien ihren Platz auf der Weltbühne einnimmt.