"Der Weg zu einem europäischen Deutschland - Deutsche Außenpolitik aus der Erfahrung eines Botschafters"
Aus dem Vortrag:
In Rußland hat man mich oft gefragt: "Wie habt ihr Deutschen es eigentlich gemacht, daß ihr nach dem tiefsten Absturz - einem selbstverschuldeten Absturz - einer zivilisierten Nation wieder zu einem wohlhabenden, respektierten und stabilen Mitglied der modernen Völkerfamilie geworden seid?". Ich habe den Russen überspitzt geantwortet: "Wir hatten 1945 den großen Vorteil, besiegt und besetzt zu sein". Im Gegensatz zum heutigen Rußland. "Ihr Russen", habe ich hinzugefügt, "müßt nach der Implosion des Sowjet-Reiches euer Land neu aufbauen, mit den fast unlösbaren Problemen dieses Riesenreiches alleine fertig werden - und das mit dem unbestimmten quälenden Gefühl, daß ihr als Sieger des Zweiten Weltkrieges nun die Verlierer des Kalten Krieges sein könntet". Ich habe auch hinzugefügt, daß das Vertrauen der Partner und der eigenen Bürger auf ein neues Deutschland nur wachsen konnte, dank einer politischen Innovation, nämlich den neuen Formen politischer Organisation, die wir mit der europäischen lntegrationspolitik gemeinsam mit unseren Partnern entwickelt haben. Das gefährliche Machtmonopol des Nationalstaates konnte auf diese Art und Weise gezähmt werden. Es wäre für Deutschland nicht möglich gewesen, im traditionellen Konzert souveräner Nationalstaaten zu einem neuen Deutschland aufzuwachsen, wieder zu einem respektierten Mitglied der Völkergemeinschaft zu werden. Wir verdanken die Stellung, die wir heute haben, der europäischen lntegrationspolitik." "In der Tat, die Tiefe der Niederlage und die unerbittliche Notwendigkeit eines völligen Neuanfangs zwangen uns, Abschied zu nehmen von den Zerrbildern nationaler Größe. Wir mußten lernen, unsere eigene Geschichte auch mit den Augen der Nachbarn zu sehen. Der heilsame Zwang, "in der Wahrheit zu leben" (Vaclav Havel), war eine Befreiung, die inzwischen zwei Generationen von Deutschen den Weg zu einem Leben als Europäer.