"Gemeinsame Werteüberzeugungen - auch 2001 noch nötig?"
Aus dem Vortrag:
Neulich bat mich eine Gruppe junger Leute, ein Nachwort zu einer Sammlung von Aufsätzen zuschreiben, in denen 20 bis 24jährige aus einem Dutzend Ländern, wie sie es nannten, " Zukunft denken ". Ich las die Analysen und Entwürfe mit wachsender Spannung. Fast alle äußerten sich frohgemut über die Chancen, die ihnen das Leben in der modernen Gesellschaft bietet. Sie sind zum Unterschied von Früheren nicht mehr festgezurrt, geographisch nicht und auch nicht in ihrer sozialen Stellung. Mobilität ist das beherrschende Thema, berufliche Flexibilität und dann Reisen, immer wieder Reisen. Fast alle verlangen aber auch nach Orientierungsmarken in dieser Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Manche sprechen ausdrücklich von der Beliebigkeit, die sie fürchten.
Dann kommen den jungen Autorinnen und Autoren zwei Dinge in den Sinn, mit denen sie sich gleichermaßen schwertun. Das eine ist die Familie als realer Halt in einer haltlosen Welt. Osteuropäer und Lateinamerikaner beiderlei Geschlechts sprechen ohne großes Zögern von ihrem Wunsch, eine Familie zu gründen; Deutsche haben da erstaunliche Probleme und suchen gedrechselte Ersatzkonstrukte wie "Lebensabschnittpartnerschaften" - ein Wort, daß eher durch seine 31 Buchstaben als durch seinen Sinn beachtlich ist... was die jungen Autoren wollen, ist indes ein sicherer Ort in einer riskanten Welt.
Das andere Thema, das fast alle jungen Zukunftsdenker ins Gespräch bringen, ist die Ethik. Sie suchen nach ethischem Halt, ohne recht zu wissen, wie und wo sie diesen finden sollen. Fast durchweg sind sie sich einig, daß wir nicht alles tun dürfen, was wir tun können.