Ziel der Arbeit war es, zwei unterschiedliche Erkenntnisinteressen zusammenzuführen, nämlich zum einen das historisch – anthropologische Interesse am Phänomen des Schmerzes in seiner visuellen Darstellung auf historischem Bildmaterial und zum anderen das Interesse an Visualität und Bildhaftigkeit als Gegenstand sozialwissenschaftliche Analyse. Die Forschungslage zeigt, dass die Beschäftigung mit Bildern, die in besonders hohem Maße unsere visuelle Kultur prägen, erst sehr zaghaft in den Brennpunkt des wissenschaftlichen Interesses einer empirischen, mit Methoden qualitativer Sozialforschung arbeitenden Bildungswissenschaft zu treten beginnt, die in ihrer Bildvergessenheit allzu lange dem Primat des Textes verhaftet war. Dies ist erstaunlich, denn gerade die Analyse von historischem Bildmaterial ist für das Verstehen zeitgenössischer Bildmedien von hoher Wichtigkeit. Das fachübergreifende und interdisziplinäre Überschreiten kunstwissenschaftlicher Analysen in Richtung kulturwissenschaftlicher Überlegungen ist heute mehr denn je, besonders für die Bildungswissenschaft, von zentraler Bedeutung. Untersuchungen zu visuellen Grundmustern, die das tägliche Leben in besonderem Maße prägen, sollten besondere Beachtung erlangen. Ein solches quasi archetypisches Grundmuster stellt der Schmerz dar, der in seiner Verbildlichung von der Frühzeit bis heute und in der daraus resultierenden medialen Bedeutung eine besondere Rolle spielt. Das erkenntnisleitende Forschungsinteresse lag zunächst in der Beantwortung der Frage, welches die sozialen und kulturellen Funktionen sind, die der Schmerz auf klassischen Bildmedien erfährt.
Wichtig im Zusammenhang mit dem Schmerz ist seine nur unzulängliche sprachliche Kommunizierbarkeit, was in der Forschung immer wieder hervorgehoben wird. Vielleicht ist es gerade diese schwierige sprachliche Vermittlung des Schmerzes, der die Künstler zu visuellen Äquivalenten Zuflucht suchen ließ. Die Beschäftigung mit dem Schmerz hat das Denken der Menschen zu allen Zeiten bestimmt und zu den verschiedensten Formen des Umgangs mit ihm geführt. In der Antike versuchte man, ihn in stoischer Gelassenheit als etwas Unabänderliches zu ertragen, ohne ihm eine höhere Bedeutung beizumessen. Das Christentum war demgegenüber bemüht, im Schmerz einen religiösen, eschatologischen Sinn zu erkennen, wobei die Leidensfähigkeit Christi und der Märtyrer als Leitfiguren und Projektionsflächen für den Gläubigen dienten. Sie erduldeten den Schmerz in der Gewissheit, nach ihrem irdischen Leidensweg, ins Paradies einzuziehen. Verständlich ist, dass sich Künstler immer wieder mit dem Thema unter den verschiedensten Prämissen beschäftigt haben. Deshalb ist es erstaunlich, dass der Schmerz als Grundmuster der visuellen Kultur seitens der verschiedenen geisteswissenschaftlicher Disziplinen bislang nicht untersucht wurde.